Immobilieneigentum in Spanien

„Die eigenen 4 Wände“ Ausgabe 13 (04/2009)

Der Auszug aus dem Elternhaus ist ein wichtiger Schritt zum Erwachsenwerden. Die erste eigene Wohnung wird man wohl nie vergessen.
Immer weniger Spanier machen diese Erfahrung jedoch in jungen Jahren. Die Hälfte aller Männer lebt mit 28 immer noch im „Hotel Mama“. Eine gegenläufige Entwicklung ist nicht abzusehen, so dass spanische Soziologen schon von einer Verkindlichung der Gesellschaft sprechen, da der Schritt zur Selbstständigkeit immer später erfolgt.

Der Familienzusammenhalt hat in Spanien genauso wie in Italien und Portugal Tradition. Das ist der Grund dafür, dass es Eltern oft nicht stört, wenn ihre Sprösslinge trotz ausreichenden Einkommens noch die Vorzüge der elterlichen Unterkunft nutzen. Männer genießen die Vollpension mit Wasch- und Putzservice  im Schnitt sogar zwei Jahre länger als ihre spanischen Altersgenossinnen. Dennoch ist Geldmangel der häufigste Grund für die späte Emanzipation, denn die Mietpreise sind extrem hoch.

Explodierende Mietpreise

Spaniens Gesellschaft hat eine Generation von Berufseinsteigern mit niedrigen Löhnen und befristeten Verträgen hervorgebracht (im Volksmund „mileuristas“ – „Tausend-Euro-Verdiener“ genannt), die es sich nicht leisten kann, eine eigene Wohnung zu finanzieren, und deswegen immer länger zu Hause wohnen bleibt. Gerade in den Ballungsgebieten wie Madrid oder Barcelona sind horrende Mietausgaben die Regel. Eine Wohnung von 50 m² kann schnell 1.000 € im Monat kosten. Seit 2005 gehen deswegen jeden Monat tausende von jungen Menschen auf die Straße und demonstrieren parteiunabhängig für eine „vivienda digna“ – eine menschenwürdige Wohnung.

Anfang 2008 hat die spanische Regierung einen Mietzuschuss für junge Leute bis 30 Jahre von 250 € monatlich eingeführt. Viele Wohnungssuchende befürchten jedoch, dass dies einfach nur zu einem weiteren Anstieg der Mietpreise führt.

Nach wie vor die Idealvorstellung: Eigentumserwerb

Für viele Spanier ist der Entschluss daher klar, lieber gleich in die eigenen vier Wände zu investieren. Die Eigentumsquote liegt aktuell bei 85 %, nur die restlichen 15 % des Bestandes werden vermietet. Damit ist Spanien Europas Spitzenreiter; Deutschland liegt mit 43 % im Mittelfeld. Zudem waren die Monatsraten beim Kauf lange Zeit nicht teurer als die Miete einer gleichwertigen Wohnung. Viele Besitzer ließen sich den Kredit für ihre Zweit- oder Drittwohnung komplett von den Mietern finanzieren. Zu Mieten gilt daher als rausgeschmissenes Geld.

Leichte Finanzierung

Spanien erlebte zehn Jahre lang ab Mitte der 90er Jahre einen beispiellosen Bauboom. Die Zinsen waren niedrig und lagen teilweise unter der Inflation. In die eigenen vier Wände zu investieren galt als sichere Geldanlage.

Viele Geldinstitute finanzierten Wohnungen ohne Anzahlung und ließen sogar Bescheinigungen über Schwarzeinkünfte bei der Risikoberechnung als Ergänzung zum Lohnzettel zu. Spanische Familien gaben 2004 im Schnitt 35 % ihres Monatseinkommens für die Abzahlung ihrer Wohnung aus. 2007 waren es schon 45 %. Durch die steigenden Zinsen ist die Zahl der zahlungsunfähigen Familien dramatisch gestiegen.

Zweitwohnsitze sehr beliebt

Viele Spanier besitzen neben ihrer Hauptwohnung in der Stadt noch eine Wochenendresidenz auf dem Land oder am Meer. Ende 2005 gab es laut der Banco de España in Spanien ca. 23,7 Millionen Wohnungen und 15,39 Millionen Haushalte, also kamen auf jeden Haushalt 1,54 Wohnungen; die höchste Rate der Welt. Die Hälfte der Zweitwohnsitze in Spanien ist allerdings in ausländischer Hand. Zu 80 % in der von Briten und Deutschen. Allein auf Mallorca gehören 50.000 Immobilien Deutschen.

Große Gewinne lockten über viele Jahre

In den Jahren 2001 bis 2006 entstanden in Spanien fast fünf Millionen neue Wohnungen, mehr als in Frankreich, Deutschland und Italien zusammen. Kein Wunder, denn die Immobilienpreise stiegen seit Beginn der Aufzeichnungen 1992 Jahr für Jahr an; vielerorts hatten sich die Wohnungspreise verdoppelt bis verdreifacht.

Tiefer Fall

Eine recht neue Situation für Spanien: Nach dem EU-Beitritt 1986 gehörte Spanien noch zu den ärmsten Ländern der Union. Der einsetzende Bauboom führte zu höheren Wachstumsraten als in den anderen Mitgliedsstaaten. So ist es keine Überraschung, dass kein anderes europäisches Land so hart von der Immobilienkrise getroffen wird wie Spanien. Fehlgeschlagene Großbauprojekte, die nunmehr Geisterstädte oder Rohbauwüsten sind, kann man in vielen städtischen Randgebieten  finden.

Es haben sich nicht nur die Banken verspekuliert, hier droht der Crash auch noch die ganze Wirtschaft zu ruinieren, die sich im Wesentlichen auf die Baubranche und den privaten Konsum stützt.

Tourismus contra Natur

Die sich nun als fatal erweisende Übergewichtung des wirtschaftlichen Leistungsträgers Baubranche hat nicht nur ökonomisch, sondern auch für die Umwelt schlimme Folgen. Der respektlose Umgang mit der Landschaft und Blindheit für ökologische Belange führen zu völlig verbauten Küstengebieten und der Ausschöpfung der Wasserressourcen. Zur Eindämmung des Bauaufkommens wurde 1988 schon ein Gesetz verabschiedet, in dem zumindest die Bebauung der Endabschnitte von Stränden verboten wurde. Verlockend hohe Gewinnspannen sorgten jedoch dafür, dass das Gesetz kaum Beachtung fand. Erst seit 2004 wird die Bestimmung konsequent durchgesetzt – sogar rückwirkend: Um eine Aufwertung der inzwischen überladenen Tourismusgebiete zu erwirken, werden  Zwangsenteignungen durchgeführt, die nicht nur große Unternehmen treffen, sondern auch Privatpersonen.

Nicht gleich ins kalte Wasser

Wir Deutschen sind in Hinsicht auf große Investitionen wohl etwas weniger risiko-freudig. Zwar ist das Eigenheim auch hier die Idealvorstellung von vielen, jedoch steht deren Realisierung normalerweise nicht sofort nach dem Auszug aus der elterlichen Bleibe an. Während der Ausbildung und nach dem Abschluss noch zur Miete zu wohnen, ist hier eher die Regel als die Ausnahme und befriedigt trotzdem das Verlangen nach Unabhängigkeit und Selbstständigkeit.